Reden - Seite 3

 


Rede zur Eröffnung der Feiern zum 750. Jubiläum von Schwanebeck

Sehr geehrte Schwanebecker und  Panketaler, sehr geehrte Gäste und Besucher,
wir begehen heute das runde Jubiläum einer alten Dame – die Gemeinde bzw. das Dorf Schwanebeck wird 750 Jahre alt. Was feiert man da eigentlich? Ich möchte Sie in meiner Rede gar nicht in die konkrete Geschichte mit Jahreszahlen und Namen entführen, davon bleibt meist wenig hängen. Wer eine genau recherchierte Daten- und Faktensammlung sucht, findet davon seit Kurzem erfreulicherweise mindestens zwei. Die Festschrift zum 750. und das Buch „Beiträge zur Ortsgeschichte“ des Geschichtsvereins Heimathaus e.V. In Kürze wird es wohl auch noch einen oder gar mehrere Filme über Schwanebeck geben. Es wird geforscht, gefragt, recherchiert, gestritten, dokumentiert und diskutiert. Kürzlich konnte ich ein Gespräch verfolgen, bei dem ein älterer Mann mit fundierten Kenntnissen der Historie der Gaststätte „Zur Alm“ Kritik an den Darstellungen in der Festschrift äußerte. Er kannte offenbar mehr und andere  Details als dort verzeichnet. Das ist gut, wir werden deswegen in Schwanebeck sicher keinen Historikerstreit haben, nur weil vielleicht eine Jahreszahl nicht plausibel ist oder der Besitzer schon fünf Jahre früher als dokumentiert gewechselt hat. Gut daran ist, dass überhaupt gefragt und diskutiert wird. Gerade die Zeitzeugen der früheren Jahre sind in den letzten Wochen und Monaten stark gefragte Mitbürger gewesen. Ihre Fotoalben und Dokumente sind begehrte Schätze. Und damit bin ich schon dabei, zu rekapitulieren, was man beim Feiern von Jubiläen – nochzumal solchen von Städten und Gemeinden eigentlich tut, was feiert man?
Nun, zunächst erinnert man sich und wo das nicht weit genug reicht, fragt man jene, die dies können. Fragen, Erinnern und Reden sind Methoden, soziale Netzwerke zu knüpfen und Gemeinschaft entstehen zu lassen. Gemeinden sind nichts anderes als soziale Netzwerke, früher anders strukturiert als heute. Die Nationenlehre geht davon aus, dass Nationen da entstehen, wo gemeinsame Sprache, Kultur, Geschichte, Tradition und Interessenlage als Grundlage für ein Wirgefühl besteht. Wenn es uns gelingt, dieses Wirgefühl mit anderen - ziemlich fremden - Menschen zu aktivieren, ist das gut für das soziale Klima. Solidarität, Gemeinsinn und Bürgerschaftlichkeit wachsen nicht aus dem Nichts. Es braucht positive Erfahrungen und Erlebnisse. In Schwanebeck ist das nicht ganz einfach. Herr Timreck nannte vorhin die Zuzugszahlen von ca. 2500 im Jahr 1990 auf ca. 5400 heute. Ich selbst bin übrigens einer davon, ich bin 1996 aus Berlin zugezogen  Mit einem Jubiläum wie dieser 750-Jahr-Feier wollen wir auch erreichen, dass die Zugezogenen heimisch werden. Heimisch? Wo ist Heimat? Da wo meine Vorfahren lebten und ich schon zur Schule ging? Das kann bei einer Bevölkerung, die zur Hälfte aus in den letzten Jahren Zugezogenen besteht, nicht klappen. Ist Heimat da, wo mein Kühlschrank und mein Auto stehen? Das wäre wiederum zu wenig. Wir müssen auf anderer Ebene Heimatverbundenheit bewirken. Das ist schwierig, wenn es wenig Unverwechselbares gibt und Berlin vor der Tür liegt. Gemeinden im ländlichen Raum haben sicher eine höhere Identifikation ihrer Bürger mit dem Gemeinwesen. Es gibt aber gute Beispiele und die Entwicklungsrichtung stimmt. Diese 750-Jahr-Feier wird – davon bin ich überzeugt – Menschen zusammenbringen, die dann mehr als zuvor Schwanebeck als Heimat empfinden. Wobei ich nicht unerwähnt lassen möchte, dass mir sehr viel daran liegt, dass sich Schwanebecker und Zepernicker als Panketaler begreifen. Auf der gleichen Basis wird dem Landrat wichtig sein, dass sich die Panketaler und Bernauer auch als Barnimer verstehen. Es ist eine ständige Herausforderung, gerade in rapide wachsenden Zuzugsgemeinden, Gemeinschaft im realen Leben herzustellen. Die Mobilität ist heute größer, man wechselt Wohnorte nach Gesichtspunkten der Arbeitsplatzwahl oder in Folge von Eheschließung und Trennung. Natürlich ist diese Mobilität grundsätzlich ein Gewinn, es ist aber auch ein Problem für das Gemeinwesen.   Wir erreichen die meisten Zuzügler – oft junge Familien – am ehesten über die Kitas, die Schulen und die Sportvereine. Früher waren das eher die Siedlervereine – man half sich dort unter anderem beim Häuslebau und der Beschaffung knappen Baumaterials. Die Siedlervereine Gehrenberge und Alpenberge sind - obwohl es nun an Baumaterial nicht mehr mangelt und die Funktion des Aufkaufs von Obst und Gemüse auch entfallen ist - immer noch sehr aktive Gruppen in denen gute Nachbarschaft gepflegt wird. Speziell deren Vorsitzenden Herrn Korbicki und Herrn Jenensch sei hier Dank gesagt. Mit diesem Fest zum 750. Jahrestag kann es  gelingen, neuen Gemeinschaftssinn zu stiften – auch deshalb feiern wir solche Jahrestage. Wir wollen Traditionen begründen und uns dieser vergewissern.
Auch gemeinsame Erfolge oder gemeinsam durchgestandene Konflikte und Krisen befördern die Nationenbildung bzw. den Patriotismus – das konnten wir positiv im letzten Sommer zur Fußball WM beobachten. Dorfgemeinschaften sind nun natürlich keine Nationen, aber der Mechanismus wirkt grundsätzlich ähnlich. Es ist dann eben nicht die Sprache, Kultur oder Tradition über die differenziert wird, wohl aber so etwas wie gute Schulen, erfolgreiche Sportvereine oder ganz allgemein die Leistungsfähigkeit eines Ortes und sein Erscheinungsbild. Freuen Sie sich nicht auch, wenn Sie von langer Reise zurückkommend auf der Autobahn das Hinweisschild "Dreieck Schwanebeck - 38 Km" sehen? Oder  wenn Ihnen im Ausland plötzlich ein Auto mit BAR Kennzeichen begegnet? Ein ziemlich irrationaler Vorgang, davon gab es nämlich mit Stand Juli 2007 genau 124 561 im Landkreis. Patriotismus – das heißt, stolz zu sein auf seine Heimat, ist grundsätzlich eine positive Regung. Patriotismus kann aber nur entstehen, wenn Verbundenheit gefühlt und gelebt wird. Auch das kann man mit dem Feiern von Festen und dem Würdigen von Jahrestagen erreichen.
Nicht wenige Menschen beklagen heutzutage die soziale Kälte, den spröden Pragmatismus, die scheinbare Visionslosigkeit das Fehlen sozialer Kontakte. Solche Wahrnehmungen sind wohl nicht unberechtigt. Gerade in Orten, deren Bevölkerung eine hohe Mobilität aufweist und die, wie im Fall von Schwanebeck zur Arbeit und zum Vergnügen nach Berlin fährt, ist dies schwierig. Man trifft sich eben nicht in der Einkaufsstraße beim Bummeln und nur wenige treffen sich auf dem Fußballplatz. Der Parkplatz von Netto oder eine Bushaltestelle ist kein städtischer Raum mit Verweilqualität. Ein belebtes Ortszentrum gibt es nicht, das Dorf ist eher ein Verkehrsknotenpunkt. An der B2 geht man nicht spazieren. Die Kirchen haben oft noch Plätze frei und die Parteien kämpfen um Mitglieder und Unterstützer. Der gemeinsame Blick in die Geschichte unseres Ortes kann helfen, diesen Mangel zu beheben. Man wird die guten alten Zeiten, die meist gar nicht so gut waren, nicht zurückholen können und wollen. Dank Auto und Supermarkt ist der Aktionsradius heute nun mal so groß, dass örtliche Strukturen nicht zwingend nötig sind und wirtschaftlich oft sogar unsinnig. Man wird nicht wegen der schönen Tradition einen Bäcker oder Tante-Emma-Laden im Ort führen können. Der Blick in die Vergangenheit  führt aber Menschen zusammen, die sich sonst wohl nicht begegnen würden. Ein gutes Beispiel dafür ist Dr. Hayek, ein aus Hamburg zugezogener Wiener  – pensionierter Kinderarzt -  und äußerst aktiv bei der Vorbereitung und Durchführung zum Beispiel der Lesungen mit Inge Heym, der Fotoausstellung bzw. der Erarbeitung der Festschrift über Schwanebeck. Schneller als er, hat sich wohl niemand Zugang zum komplexen Sozialgebilde Schwanebecks verschafft. Herzlichen Dank für Dein Engagement, Hubert. Oder Frau Dr. Aßmann eine vor 10 Jahren zugezogene Zepernickerin und damit nicht kraft Geburt oder Abstammung Schwanebeck verbunden. Auch sie hat bei der Aufarbeitung der Geschichte wohl viele Menschen getroffen und Kontakte geknüpft, die über die 750-Jahr-Feier hinausreichen. Auch Ihnen herzlichen Dank. Der Förderverein dieser Dorfkirche vereint Mitglieder, die in dritter Generation hier leben, aber auch solche, die gerade erst vor ein paar Jahren zugezogen sind. Sie kommen zusammen, weil sie ein gemeinsames Projekt haben. Der Sportverein ist erst 1998 entstanden und heißt auch so. Er hat heute 488 Mitglieder mit steigender Tendenz. Sie sind zusammen, weil es schöner ist, gemeinsam Sport zu treiben und auch, weil man schlecht allein Fußball, Handball, Tischtennis etc. spielen kann. Die Freiwillige Feuerwehr ist eben nicht nur für Brandbekämpfung und technische Hilfeleistung da. Wer dort Mitglied ist, schätzt die Gemeinschaft, die aus der Erfüllung einer gemeinsamen Aufgabe erwächst. Ich möchte daher die Schwanebecker, und übrigens auch die Zepernicker, ermutigen, sich zusammenzutun. Wozu auch immer. Selbst Bürgerinitiativen gegen Beschlüsse der Gemeindevertretungen haben ihren sozialen Wert für die Akteure. Man lernt sich kennen und so ein gemeinsamer Gegner schweißt zusammen. Es gibt ein gutes soziales, intellektuelles und wirtschaftliches Potenzial in Panketal. Wir haben unter 5 % Arbeitslosigkeit, wir sind eine wachsende Gemeinde mit einem grundsoliden Haushalt, es gibt viele Kinder im Ort. Die Schulen und Kitas sind gut. Am Straßennetz wird mit großer Intensität gebaut. Liebe Bürger, schauen Sie bitte öfter mal, wie es Menschen dieses Ortes vor 20, 50 oder 70 Jahren ging. Frau Köhler – Jahrgang 1929  - wohnhaft in der Mozartstraße - schildert das in ihrem Beitrag für das Buch zum Ortsjubiläum sehr anschaulich. Schauen Sie 40 oder 90 km weiter nach Norden. Die demografische Entwicklung wird nicht nur die Uckermark beuteln, nein auch im Oberbarnim wird es Gemeinden geben, die einen Einwohnerverlust erleiden werden, wie es ihn so bisher nur in Krisenzeiten gab. Dann funktioniert kein Nahverkehr mehr, Schulen und Kitas werden geschlossen, Nahversorgung dünnt aus, die Infrastruktur schrumpft, es beginnt ein Kreislauf des Wegschrumpfens. All das steht Schwanebeck erfreulicherweise nicht bevor. Dafür werden wir aber auch keine so beschauliche Natur haben und der Verkehr auf den Straßen wird hier eher zunehmen. Das ist dann aber auch schon wieder eine Chance für ländliche Gemeinden. Vielleicht zieht die Siedlungskarawane in 20 Jahren weiter ins Umland weil es dann viel mehr Heimarbeit gibt und die Menschen natürliches Wohnen suchen. Oder es gibt eine Rückwanderungsbewegung in die Stadt weil die nicht mehr im Verkehrskollaps erstickt dafür aber Kultur und Freizeitangebote in großer Vielfalt bietet. Wir erleben mit einem Menschenleben nur kleine Momente auf der Zeitschiene der gemeindlichen Entwicklung. Was uns wie unumstößlich und unverrückbar erscheint kann in 50 Jahren eine belanglose Episode der Geschichte sein.
Schwanebeck  - ein Ortsteil der Gemeinde Panketal - hat eine lange Tradition, die aber heute nur noch an wenigen Stellen zu spüren ist. Lediglich die Evangelische Kirche, in der wir uns jetzt befinden und einige alte Bauernhöfe im Dorf zeigen uns greifbar, dass an diesem Ort schon viele Jahrhunderte lang gelebt wurde. Das heutige Schwanebeck mit seinen sechs Ortsteilen und dem Dorf ist überwiegend erst in den letzten 150 Jahren entstanden.  Hier leben heute ca. 5400 Menschen. Was hat unsere Vorfahren vor 200, 300 oder gar 500 Jahren bewegt? Was wussten sie über ihre Zeit, was dachten sie, wie lebten sie, wie arbeiteten sie, wo kauften sie ein? Was taten sie in Ihrer Freizeit? Gab es so etwas wie Freizeit eigentlich? Gab es etwas besonders in diesem Ort? Was wird man in 200, 300 oder 500 Jahren über unsere jetzige Generation und das heutige Schwanebeck wissen? Sicher, es wird heute mehr geschrieben und fotografiert als je zuvor. Theoretisch könnte damit das Wissen zukünftiger Generationen über das Leben im 750. Jahr des Ortes größer sein als jenes, welches wir über unsere Vorfahren haben. Das wird aber nur so sein, wenn wir fotografieren und aufschreiben, was um uns herum jetzt geschieht. Das mag oft nicht aufregend und spektakulär sein. Gerade vor den Toren der Bundeshauptstadt Berlin ist es schwierig, eigene Akzente zu setzen und in Schwanebeck etwas besonders zu entdecken. Trotzdem ist es wichtig, die Erinnerung zu bewahren und aufzuschreiben, damit folgende Generationen nicht geschichtslos durch die Zeit gehen. Geschichte ist auch nicht immer gleich Welt- oder Nationalgeschichte. Geschichte beginnt in den kleinsten Strukturen und entwickelt sich daraus. Es lohnt sich also zum Beispiel, in den Familien zu erzählen, wie es „damals“ war. Für die, denen Sie es erzählen, ist es Geschichte und sie wird so lebendig wie wir sie machen. Tun wir also zweierlei – sorgen wir dafür, dass es viel über Schwanebeck zu erzählen gibt und erzählen wir es auch.  Wie sah das Grundstück aus, auf dem seit zehn Jahren Ihr neues Haus steht, in dem vielleicht noch Ihre Enkel in 90 Jahren wohnen werden? Wer waren Ihre Klassenkameraden und wie ging es zu an der Schule? Was uns wie gestern vorkommt oder gerade erst passiert, ist zehn Jahre später Geschichte. Es lohnt sich, sich zu erinnern. Was wir heute erleben wird in 50 Jahren Gegenstand der Vorbereitung der 800 Jahr Feier sein. Einige wenige von uns werden dann begehrte Zeitzeugen sein. Heute ist die Zeit die man später mal die gute Alte nennen wird. Ich wünsche Ihnen Gesundheit, Lebensfreude und Zufriedenheit. Ich wünsche unserem Ort Schwanebeck und der Gemeinde Panketal engagierte Bürger die ihn mit Leben erfüllen.
 
Rainer Fornell, Bürgermeister Panketal, 7. September 2007